IN MEDIAS RES

Der Duft, der diese Madeleines, dieses Gebäck der Kindheit, auferstehen lässt. Mit ihnen das Haus, in dem er wohnte, die Menschen, die ihn umgaben, die Straßenzüge. Die Medien arbeiten in Marcel Prousts Opus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Wo er geht und steht, findet der Protagonist die Trigger der Erinnerung, und sie rufen in ihm in vielfacher bis übermächtiger Fülle die Zeichen von damals hervor.
Letztlich sind es sinnlich starke Eindrücke, die sinnlich starke Empfindungen auslösen. Proust gebrauchte sorgfältig eine Vielfalt an Worten, um diesem Phänomen Kanten zu verleihen, wie auch sonst? Worte grenzen das Phänomen doch eigentlich nicht ab von der Gewohnheit, sondern lassen es, das Bild, auseinanderfließen. Wer sinnlich starke Empfindungen ausgelöst haben will, soll sich sinnlich starken Eindrücken ausliefern.
Der Duft von der feuchten Erde bei der Gartenarbeit mit den Lieben. Der Geschmack von Wasser, Salzwasser, das aus Versehen beim Schwimmen im Meer in den Mund gelang. Die Oberfläche von dem Tisch, an dem die Ostereier an-geschlagen wurden, und der Klang der brechenden Schale. Die Tränen eines vertrauten Menschen. Eingebrannt haben sich diese Sinneseindrücke. Nicht alle sind schön, aber sie sind alle stark und scheinen unverwüstlich, solange man sie nicht unachtsam bespricht. Proust hatte die Worte, ich habe sie nicht. Viele haben keine oder die falschen. Das ist nicht so schlimm. So werden die sinnlich starken Eindrücke in diesem szenischen Experiment also nicht umsonst besprochen, sondern gesucht, untersucht und schließlich versucht.
Welche starken Sinneseindrücke erlauben dem erinnernden Subjekt die Auferstehung alter Bilder? Und, wenn sie einmal da sind, wie erreichen sie die Menschen neben einem? Gemeinsam gehen die Performer mit dem Publikum auf die Suche. Auf die Suche nach dem, was schon mal da war, und nun ohne Absicht in die Ferne gerückt ist. Manche Dinge wurden geübt und werden wiederholt, manche Dinge werden zum ersten Mal geteilt.
Dabei lassen wir uns leiten von den Zeichen. Ein Leuchtturm auf jeder Insel. Viele Inseln. Viele Zeichen der Erinnerungen, die mit einem Gerüst gesichert wurden. Denn diese Türmchen wurden bereits gebaut, doch sie sind furchtbar fragil. Das macht diese Türmchen ja so schön. Vorsichtig also werden die Türmchen der Erinnerungen bestiegen, auf der Suche nach den sinnlich starken Eindrücken, auf der Suche nach einer Übersetzung für das Proust-Phänomen.

Von und mit: Lisa de Groote, Tim Kahn, Mathilde Lehmann, Lukas Schmelmer, Sören Zweiniger

Regie/Raum/Dramaturgie: Mathilde Lehmann

Video: Sören Zweiniger, Mathilde Lehmann